Würde und Wandel

 

Raymond Trumpfheller, Dipl.Psychologe

 

Würde so scheint mir, ist eine Eigenschaft, die im Angesicht eines Anderen erfahrbar wird. Die Erfahrung menschlicher Würde braucht so einen Schauenden und einen Geschauten. Sie wird als unbedingte persönliche Wertschätzung erfahren, sowohl von dem Geschauten, wie auch von dem Schauenden.

 

Menschliche Würde wird für beide Beteiligte erfahrbar in der ungeteilten Wertschätzung dessen was ist.

 

Menschen zeichnet die Fähigkeit zu Selbstreflexion aus. Der Schauende und der Geschaute kann somit in einer Person vereint sein; man würdigt sich selbst in Anbetracht dessen was und wie man ist, oder aber man projiziert seine Sicht auf sich selbst in ein höheres Wesen von dem man geschaut wird und sich geschaut fühlt.

Menschen, die sich in ihrer Würde entdecken, beginnen sich auch mit dem zu sehen und respektvoll zu identifizieren, was sie bisher vor sich selbst und vor anderen verstecken, oder in angestrengtem Kampf gegen sich selbst, zu überwinden suchten.

Dies reicht von der Wahrnehmung äußerer Makel im Erscheinungsbild, über die Wahrnehmung inakzeptabler Ängste, bis hin zu tief empfundener Scham, ob „moralischer Verfehlungen“ oder persönlicher „Minderwertigkeiten“.

 

Klienten, sind oft dankbar für jeden, manchmal auch unbedachten Hinweis, sie könnten mit jenen „Minderwertigkeiten“, immer noch respektvoll angesehen sein. Sie fühlen sich in ihrem SoSein unerwartet gewürdigt und wagen es, sich für kurze Zeit selbst vorurteilslos „anzuschauen“ und ihre Selbstentwertung hintanzustellen.

Solch eine Erfahrung ist ein gewichtiges Moment im Streben nach persönlicher Veränderung. Sich selbst ohne moralische Bewertung wahrnehmen zu können, öffnet den Blick für die Sinnhaftigkeit persönlicher „Defekte“, bzw. „neurotischer“ Symptome.

 

Mit dem Erkennen der inneren Not, die den neurotischen Symptomen unterliegt, mindert sich mit der Zeit die Selbstabwertung im Kampf gegen sich selbst. Der weitere, manchmal mühevolle Weg seine persönliche Erlebnis- und Kontaktfähigkeit zu erweitern, kann dann zumindest mit Respekt vor sich selbst fortgesetzt werden.

 

Wie ich es heute weiß, ist das Empfinden gewürdigt zu sein und/oder sich selbst würdigen zu können, eine der mächtigsten Erfahrungen im Leben eines Menschen.

 

Auf diesem Hintergrund trägt die grundsätzliche Bereitschaft des Therapeuten, der Würde seiner Klienten gewahr zu werden, zum Kern jeder fruchtbaren therapeutischen Beziehung bei. (*) - Und die beginnende Fähigkeit eines Klienten, sich respektvoll in seinem jeweiligen Sosein zu erkunden, ist ein Meilenstein auf dem Weg zu persönlichem Wandel.

 

Anmerkung: (*)

in einer persönlichen Mitteilung formulierte S. Riffel, Darmstadt, meine Feststellung noch grundsätzlicher:

sie sagt, "daß das Wissen des Therapeuten um die Würde des Klienten oder die (Vor)Annahme dieser Würde, die Basis für die Entfaltung einer heilsamen therapeutischen Beziehung darstellt."

 

 

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